News

Sabastian Sawe: Wie der Spätstarter zum 1:59-Marathonläufer wurde

Next Stop & nächste Weltrekordjagd in Berlin

Sabastian Sawe hat in London am 26. April eine der größten Zeitbarrieren der Leichtathletik-Geschichte durchbrochen. Der Kenianer lief als erster bei Regel-konformen Bedingungen einen Marathon unter zwei Stunden. Nach 1:59:30 Stunden war der 31-Jährige nahe des Buckingham Palastes im Ziel.

Damit unterbot er auch die legendäre Marke von 1:59:40,2 Stunden, die Eliud Kipchoge am 12. Oktober 2019 in der Prater Hauptallee in Wien erzielt hatte. Dieser Lauf war u.a. aufgrund wechselnder Tempomacher nicht rekordkonform, aber er inspirierte Hobby- wie Spitzenathlet*innen weltweit. Mehrere Versuche folgten daraufhin, die 2-Stunden-Marke in einem offiziellen Rennen zu unterbieten, auch von Kipchoge selbst. Rund sechseinhalb Jahre später ist es Sabastian Sawe gelungen. Im gleichen Rennen in London blieb mit dem Äthiopier Yomif Kejelcha in 1:59:41 sogar ein zweiter Läufer unter der magischen Grenze.

Onkel Abraham brachte ihn zu einer Trainingsgruppe

Sabastian Sawe war ein Spätstarter. Dass er den Weg an die Weltspitze finden konnte, hing auch mit einer Portion Glück zusammen. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in dem Dorf Cheukta, das nicht weit weg von der Stadt Eldoret im kenianischen Hochland liegt, gelang es Sabastian Sawe lange Zeit nicht, sich eine Karriere als Läufer aufzubauen. Sein Talent wurde nicht entdeckt. Erst nachdem ihn sein Onkel Abraham Chepkirwok - der 800-m-Landesrekordler von Uganda - in die Trainingsgruppe des italienischen Coaches Claudio Berardelli nach Kapsabet vermittelte, begann sein Aufstieg.

Mit 26 erstes Rennen außerhalb Afrikas

Bereits 26 Jahre alt, lief Sabastian Sawe Anfang 2022 seine ersten Rennen außerhalb Afrikas. Dabei hatte er sofort Erfolg. Den Sevilla-Halbmarathon gewann er als Tempomacher in hochklassigen 59:02 Minuten. Dies war ein Streckenrekord, eine Jahresweltbestzeit und eines der schnellsten Halbmarathon-Debüts aller Zeiten. Rund eineinhalb Jahre später wurde Sabastian Sawe Weltmeister über diese Distanz.

Geduld gewinnt

„Ich musste sehr geduldig sein und durfte nie aufgeben“, sagt Sabastian Sawe zurückblickend. „Ich habe schon in der Grundschule angefangen zu laufen und dann auch in der Oberschule - aber ich war zunächst nicht sehr erfolgreich. Dann trainierte ich ernsthafter, konnte mich einer Trainingsgruppe anschließen, bekam einen Sponsor und konzentrierte mich fortan vollkommen auf das Laufen.“

Bisher vier herausragende Marathons

Im Marathon zeigte er von Anfang an absolute Weltklasseleistungen. Bei seinem Debüt siegte Sabastian Sawe in Valencia 2024 mit 2:02:05 Stunden. Danach folgten Triumphe in London, Berlin sowie nun erneut in London. Viermal ist der Kenianer erst über die 42,195 km gelaufen. Er hat immer gewonnen und war nie langsamer als 2:02:27. „Die ländliche Gegend von Kapsabet, wo ich ich trainiere, ist ein sehr guter Ort für eine Marathon-Vorbereitung. Wir haben eine starke Gruppe von Athleten und treiben uns gegenseitig an. Wenn jeder hart arbeitet, fordert man sich gegenseitig heraus - das wiederum motiviert dich und du verbesserst deine Leistungen“, sagt Sabastian Sawe.

Berlin bereit für neue Weltrekordjagd

„Sabastian ist wie ein Geschenk für mich. Er bringt alle Voraussetzungen mit - er hat ein unglaubliches Trainings-Vermögen, ist mental stark und zugleich sehr bescheiden. Ich kann nicht vorhersehen, was möglich sein wird - aber ich freue mich darauf, es herauszufinden“, sagte sein Trainer Claudio Berardelli nach dem Berlin-Marathon 2025, wo die Temperaturen für einen Angriff auf die 2-Stunden-Marke zu hoch waren. In der Zwischenzeit ist Sabastian Sawe unter 2:00:00 Stunden gelaufen. Doch das soll noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Am 27. September kehrt der Ausnahmeläufer nach Berlin zurück.

Von erfolgreichen Läufern lernen

„Ich hoffe, ich kann jungen Läufern zeigen, dass alles möglich ist. Ich habe früher selbst auf andere Athleten geschaut und daran geglaubt, dass ich eines Tages diesen Weg einschlagen kann“, sagt Sabastian Sawe. „Wenn du von erfolgreichen Läufern lernst, verstehst du den Sport besser und verbesserst deine Leistungen. Ich sage jungen Athleten: bleibt geduldig und arbeitet hart. Wenn du diszipliniert bleibst und an dich glaubst, kannst du deine Ziele erreichen.“
 

Die Marathonläufe von Sabastian Sawe

1. Valencia-Marathon 2024        2:02:05
1. London-Marathon 2025        2:02:27
1. Berlin-Marathon 2025        2:02:16
1. London-Marathon 2026        1:59:30


Die Jagd auf die Zwei-Stunden-Barriere

Eliud Kipchoge startete vor neun Jahren die Jagd auf die Zwei-Stunden-Barriere. Eine solche Zeit galt damals bei vielen als utopisch. Doch der Kenianer kam bereits 2017 in Monza überraschend so dicht an die Traumzeit heran, dass das Durchbrechen dieser Schallmauer realistisch wurde. In Wien gelang es ihm vor zehntausenden Fans im Prater bei der „INEOS 1:59 Challenge“.

Nicht Rekord-konformen Versuche:
2017    Monza     Eliud Kipchoge    2:00:25 
2019    Wien        Eliud Kipchoge    1:59:40,2

Regelkonforme Versuche nach dem Wien-Rennen:
2022    Berlin        Eliud Kipchoge    2:01:09
2023    Berlin        Eliud Kipchoge    2:02:42
2025    Berlin        Sabastian Sawe    2:02:16
2025    Chicago    Jacob Kiplimo        2:02:23
2026    London    Sabastian Sawe    1:59:30


VCM News / Text: Jörg Wenig, AM