Neue Top-Marke 2:20:06 in packendem Zweikampf. Eva Wutti kämpft sich auf Rang 10
Das Frauenrennen war bis einen Kilometer vor dem Ziel von Harmonie und Gleichschritt geprägt. In einem packenden Finish bewies Tigist Gezahagn ihre Spurt-Qualitäten und entschied den Marathon mit neuem Streckenrekord von 02:20:06 vor ihrer Landsfrau Haftamnesh Tesfaye für sich. Diese blieb mit 2:20:18 ebenfalls unter der alten Streckenrekordmarke von 2:20:59. Eva Wutti schaffte als beste Österreicherin in 2:42:37 mit viel Kampf eine Top-Ten-Platzierung.
Die beiden Äthiopierinnen machten schnell klar, dass der Sieg nur über sie laufen würde. Schon nach fünf Kilometern klaffte eine deutliche Lücke von 25 Sekunden zu den Verfolgerinnen aus Kenia, die sich im weiteren Verlauf kontinuierlich vergrößerte. Im Sog ihres Pacemakers liefen Tigist Gezahagn und Haftamnesh Tesfaye im Gleichschritt ein harmonisches Rennen. Tesfaye hielt sich zumeist im Windschatten auf. Von hinten drohte keine Gefahr, die Kenianerinnen rund um Titelverteidigerin Betty Chepkemoi lieferten sich mit Respektabstand lange einen eigenen Wettkampf.
Schrecksekunde beim U-Turn
Ein Hoppala gab es aber dann doch für das Spitzen-Duo, als Tesfaye bei der Wende beim Ernst-Happel-Stadion strauchelte und zu Boden ging. Sie konnte aber weiterlaufen und das schnelle Tempo wieder aufnehmen. Ein neuer Streckenrekord hatte sich schon längst abgezeichnet, die Durchgangszeiten bei Halbmarathon, Kilometer 25 und 30 waren vielversprechend. Der Split bei Kilometer 35 ließ sogar eine Marke deutlich unter 2:20 erhoffen.
Spurt-Qualitäten als kleiner Unterschied
Als der Pacemaker kurz vor der Ringstraße ausstieg, gestaltete sich der Zweikampf auf den letzten zwei Kilometern zu einem packenden Finish. Und hier bewies Gezahagn ihre Qualitäten. Die 26-Jährige, die seit ihrer Geburt schwer sehbeeinträchtigt ist und bereits auf große Erfolge bei den Paralympics (zwei Siege über 1.500 m) verweisen kann, erhöhte einen Kilometer vor dem Ziel mit einem kurzen Antritt das Tempo und lief schließlich noch zu einem ungefährdeten Sieg und neuem Streckenrekord bei den Frauen. Sie unterbot die bisherige VCM-Bestmarke von 2:20:59 aus dem Jahr 2022 um mehr als 50 Sekunden und lief nach 02:20:06 durchs Zielband. Für Gezahagn ist es eine neue persönliche Bestzeit, die bisher bei 02:21:14 lag. Der Sieg in Wien war ihr dritter Erfolg in den vergangenen sechs Monaten nach ihren Erfolgen in Doha 2026 und Ljubljana 2025.
Eigentlich wollte sie in ein einigen Abschnitten noch schneller laufen, wie sie nach dem Rennen verriet, Tesfaye ließ sich aber nicht darauf ein. „Wir konnten von Anfang an ein hohes Tempo gehen, dadurch hat sich ein spannendes Rennen entwickelt. Während des Rennens hatte ich Zweifel, wer von uns beiden stärker ist. Ich wusste, dass ich wahrscheinlich den besseren Sprint habe. Kurz vor dem Ziel merkte, dass sie müde war, das habe ich genützt.“
Sieg hat hohen Stellenwert
Ihre Sehbeeinträchtigung machte sich während des Rennens kaum bemerkt. Gezahagn verließ sich auf die akustischen Hinweise ihres Pacemakers. „Wenn es nicht ganz flach war, hatte ich ein paar Mal kleinere Probleme, bei den Richtungsänderungen musste ich aufpassen. In einer Kurve hat es ja auch Haftamnesh erwischt. Der Wind war für mich schwieriger als die Wärme, die Temperaturen haben mich nicht gestört. Ich freue mich sehr über den Streckenrekord. Es ist ein Riesenerfolg für mich, nach den Siegen bei den Paralympics auch Marathons zu gewinnen.
Tesfaye wurde in 2:20:18 Zweite und egalisierte damit ihre persönliche Bestzeit auf die Sekunde genau. Auf Rang drei klassierte sich Hellen Chepkorir mit einer Zeit von 02:23:48, die Kenianerin unterbot ihre bisherige Bestleistung um mehr als dreieinhalb Minuten.
Kampf und Zwischenstopps bei Eva Wutti
Für Österreichs Top-Läuferin Eva Wutti lief es an diesem Tag nicht nach Wunsch. Die 37-jährige Kärntnerin hatte ab Kilometer 16 kein gutes Laufgefühl mehr und zunehmend mit schmerzenden Beinen und den Temperaturen zu kämpfen. Die muskulären Probleme zwangen sie zu einigen ungeplanten Zwischenstopps, die erhoffte Zielzeit unter 2:37 Stunden war spätestens ab dem zweiten Teilstück im Prater außer Reichweite.
Den Titel der schnellsten heimischen Athletin beim VCM 2026 wollte sich die alleinerziehende Mutter, die in Vollzeit beschäftigt ist, aber nicht nehmen lassen, sie biss sich mit großem Kampfgeist durch. Als Belohnung warteten im Ziel nach 2:42:37 Stunden ein wenig überraschend ein Top-Ten-Platz im Frauenrennen und das neuerliche Prädikat „Beste Österreicherin“.
„Marathonlaufen ist immer ein Spagat. Es war heutige nicht mein Tag, das kommt vor. Es war zu warm, und ich musste öfter stehen bleiben, habe mich sogar hinsetzen müssen, weil ich muskuläre Probleme hatte“, sagte Wutti im Interview nach dem Rennen. „Mein Pacemaker hat mich immer wieder aufgebaut, erst bei Kilometer 40 wusste ich, dass ich ins Ziel laufen werde.“
Ergebnisse VCM-Frauenrennen - Top Ten:
1. Tigist Gezahagn (ETH) - 02:20:06
2. Haftamnesh Tesfaye (ETH) - 02:20:18
3. Hellen Chepkorir (KEN) - 02:23:48
4. Faith Chepkoech (KEN) - 02:28:10
5. Tegest Ymer (ETH) - 02:28:15
6. Mary Zeneida Granja (ECU) - 02:28:29
7. Lindsay Flanagan (USA) - 02:28:34
8. Vaida Zusinaite (LTU) - 02:35:29
9. Aiwa Sakaguchi (JPN) - 02:37:12
10. Eva Wutti (AUT, Club RunAustria) - 02:42:37
VCM News / Roland Romanik